Passbild von Nathan Wolf, Anfang 1939
Familienleben in der NS-Zeit
In der Wangener Schule, 1933. Hannelore Wolf steht in der 2. Reihe, 2. Kind von links
Von Ostern 1932 bis zum März 1937 besucht Hannelore Wolf die ersten fünf Jahrgangsstufen der Volksschule Wangen. Sie ist eine besonders gute Schülerin.
Hannelore Wolf als Schulkind
Dauerbewilligung (Dauerpassierschein) für Hannelore Wolf
Mit Schuljahresbeginn zu Ostern 1937 schicken die Eltern sie auf die Realschule im schweizerischen Stein am Rhein.
Ich war das einzige deutsche Kind, das in Stein in die Schule ging. Aber ganz früher waren schon meine Tanten in Stein in die Schule gegangen. Meine Tante Clem und die Cousine Emma Picard, die sind so etwa 1895 jeden Morgen brav in die Realschule nach Stein gelaufen und zurück und die Brüder meiner Großmutter, mein Onkel Isaak und mein Onkel Sally, die gingen schon etwa ab 1870 in Eschenz in die Schule. Die sind nach Stiegen gelaufen, sind dort in die Gondel gestiegen und sind herübergerudert nach Eschenz. Eigentlich haben nur die Juden ihre Kinder in früheren Zeiten schon in höhere Schulen geschickt. Das hätten natürlich auch die reichen Bauern oder Handwerker tun können, aber sie haben es nicht getan. Man sagt oft, die Juden seien die wohlhabenderen Leute, aber es lag auch daran, dass sie an Bildung interessiert waren.
Hannelore König
Postkarte Nathan Wolfs an seine Tochter Hannelore, die beim Großvater in Köln ist
Nach den Nürnberger Gesetzen verliert Nathan Wolf die Mehrzahl seiner Patienten an einen arischen Arzt, der sich in der unmittelbaren Nachbarschaft niedergelassen hat; nur wenige sind noch mutig genug, sich weiterhin von ihm behandeln zu lassen. Am 15. Juli 1937 schreibt er eine Postkarte an seine Tochter, die in den Sommerferien ihren Großvater in Köln besucht:
Auch bei uns ist es still geworden, aber dafür habe ich wenigstens wieder mehr Arbeit im Beruf bekommen, gestern den ganzen Tag zu tun gehabt, hauptsächlich in Hemmenhofen und gestern nacht noch in Öhningen, der Patient sagte, ich bin so froh, dass der Nathan kummt.
Nathan Wolf
In diesen Jahren der wirtschaftlichen Not versucht die kleine Familie sich mit einer »Kinderpension« über Wasser zu halten, zu der Schwägerin und Schwager Clementine und Emil Neu aus Offenburg mit einer Möbelsendung beitragen. Dankbar schreibt Auguste Wolf einen langen Brief:
Meine Lieben! Endlich, endlich sind die Möbel angekommen und all‘ die vielen anderen Sachen, und zwar erst um ½ 9h heute Abend. […] Natürlich war das ganze Haus auf den Beinen, als das Auto ablud. So Vieles und Schönes hatten wir nicht erwartet. […] Die Praxis ist natürlich sehr ruhig geworden, oft kein Patient am Tag, wenn es viele sind dann 3–4. Ja, da muß man alles daransetzen, um wenigstens das Notwendigste zu haben. Die Kinder sind wohlauf und lustig. Hannelore schreibt in den nächsten Tagen selbst, […]. Natus läßt grüßen; er ist schon ins Bett, d.h. es ist 11h vorbei, hat gerade wieder sehr arg mit seinen Magenbeschwerden zu tun, wohl als Folge der schweren Aufregungen der letzten Wochen.
Brief von Auguste Wolf vom 25. März 1937
Letzte Station auf dem Weg ins Exil – jüdische Kinder als Pensionsgäste in Wangen, Sommer 1938
Auf dem Weg ins Exil – jüdische Ferienkinder 1937/38
Hannelore Wolf erhält Zeichenunterricht beim Maler Walter Waentig; mit ihren Kartengrüßen erfreut sie die Familienmitglieder. Gelegentlich schmückt sie auch ihre Schulhefte mit fantasievollen Zeichnungen.
Dem lieben Großvater einen herzlichen Geburtstagsgruß von seiner Hannelore
Zeichnung von Hannelore Wolf, 1938
Am 10. März 1938 illustriert sie mit diesem »Bärenhäuter« ihre Nacherzählung des Grimm‘schen Märchens.
Hannelore Wolf im Januar 1938
Trotz aller behördlich verordneten Einschränkungen gelingt es den Eltern, ihren Kindern eine vergleichsweise behütete Kindheit zu ermöglichen; davon erzählen die über eine Woche hinweg geführten Tagebuchaufzeichnungen der eben 12 Jahre alt gewordenen Hannelore im Januar 1938. Das Zitat stammt aus dem Eintrag zum 14. Januar:
Gestern abend kam es nun doch nicht zum »Bimbo« spielen. Aber dafür führte uns Pappi Zauberkünste vor. »Hokus, Pokus,« und verschwunden war das Geldstück, das eben noch in Pappis Hand geglänzt hatte. »Vielleicht ist es auf der Lampe,« riet uns Pappi, und wirklich, dort war das Geldstück zu finden. »Ich könnt mir auch die Schuhe ausziehen,« sagte er, und nachdem wir die Schnürriemen abgelöst hatten, rollten eine ganze Menge von Fünfmarkstücken heraus. Nachdem er uns noch mehrere kleine Kunststücke vorgezaubert hatte, stellte Pappi plötzlich die Apfelschale auf den Tisch:
»Äpfelessen ist gesund,« sagte er. Wir alle bissen in einen Apfel. »Vielleicht ist ein Fünfmarkstück drin.« In Pappis Apfel war das Geldstück. Ich paßte immer genau auf, aber nie sah ich etwas Verdächtiges.
Schreibmaschinenmanuskript des Vortrags von Hannelore Wolf
Am 16. März 1938 berichtet Hannelore Wolf ihren Steiner Klassenkameradinnen von den jungsteinzeitlichen Pfahlbauern in Wangen, deren Überreste heute als Weltkulturerbe klassifiziert sind. Schon in den 1890er Jahren zählte Nathan Wolf gemeinsam mit seinem Jugendfreund Jacob Picard zu den erfolgreichsten Spurensuchern am Wangener Hinterhorn.
Nach der Zerstörung der Synagoge und brutalen Prügelszenen im Keller des Wangener Rathauses wird Nathan Wolf am Abend des 10. November 1938 zusammen mit den anderen jüdischen Männern des Dorfes nach Dachau verbracht. Von dort kehrt er sechs Wochen später als Gezeichneter zurück.
Bildpostkarte von Hannelore Wolf an ihren Vater, der in Konstanz im Gefängnis sitzt
Im Januar 1939 sitzt der jüdische Arzt in Konstanz im Gefängnis; angeklagt eines vorgeblich »ungehörigen« Eingriffs bei einer Patientin – die Anklage wird fallengelassen. Seine Tochter tröstet ihn mit dieser Postkarte: